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    <title>willys log</title>
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    <updated>2026-08-26T02:40:17+02:00</updated>
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        <name>Willy</name>
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        <title>Challenge: 100 Tage Portugiesisch schreiben (Teil 1)</title>
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            <name>Willy</name>
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        <updated>2026-08-23T23:54:57+02:00</updated>
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                <![CDATA[
                    Das erste Drittel meiner Challenge ist vorbei, einhundert Tage lang mindestens ein paar Sätze auf Portugiesisch zu schreiben. Es konnten irgendwelche Sätze sein. Meist schrieb ich auf, was ich an dem Tag gemacht oder erlebt hatte oder machen wollte. Ich schrieb auf, was mir gerade&hellip;
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            <![CDATA[
                <p>Das erste Drittel meiner Challenge ist vorbei, einhundert Tage lang mindestens ein paar Sätze auf Portugiesisch zu schreiben.<br><br>Es konnten irgendwelche Sätze sein. Meist schrieb ich auf, was ich an dem Tag gemacht oder erlebt hatte oder machen wollte. Ich schrieb auf, was mir gerade durch den Kopf ging. Die Sätze mussten nicht 100% korrekt sein. Selten, nicht mehr als fünf Mal, habe ich eine KI oder meine Frau um die Korrektur eines Textes gebeten (das könnte ich noch intensivieren). An vielen Tagen habe ich kaum das Wörterbuch benutzt, an einigen Tagen dafür intensiver. – Hauptsache, die fertigen Sätze waren meine eigenen (und nicht von der Maschine übersetzt)!<br><br>Ich tracke die Anzahl der Wörter. Das ist das Ergebnis vom 21. Juli bis zum 21. August:<br><br></p>
<figure class="post__image post__image--wide"><img src="https://log.cw.nojs.de/media/posts/6//100dias-2026-07-21-2026-08-21-2.png" alt="Der Graph zeigt die geschriebenen Wörter pro Tag in meiner Challenge. " width="1919" height="1010">
<figcaption>Der Graph zeigt die Anzahl der Wörter, die ich pro Tag schrieb.</figcaption>
</figure>
<p>Wie man sieht, fing ich mit ca. fünfzig Wörtern ziemlich <em>low level</em> an, was ich gut finde, weil ich mich nicht zu sehr unter Druck setzte. Trotzdem bemerkte ich schon nach den ersten Tagen, dass ich abends in der portugiesischen Familie mehr auf Portugiesisch sprach. Ich begann öfter zu sprechen, <em>weil ich es konnte</em> oder <em>um die Sprache zu benutzen</em> – nicht nur dann, wenn ich etwas Bestimmtes erreichen wollte.</p>
<p>Belohnt wurde ich auch relativ schnell mit der Einsicht, dass ich mehr schreiben konnte, als mir klar gewesen war. Für diese Einsicht brauchte ich zuletzt eine Lehrerin, die mich zum Schreiben eines Textes zwang. Da ich im Moment keine mehr habe, muss ich mich selbst über die Schwelle schubsen.<br><br>Mit der Zeit fuchste ich mich jedenfalls für meine Verhältnisse ganz schön in die Challenge rein. Aus den anfänglichen 50 Wörtern sind durchschnittlich knapp 200 Wörter pro Tag geworden. Zuletzt platzte ich fasst vor Stolz, als ich feststellte: <em>Mache ich gerade das Brainstorming für einen wissenschaftlichen Vortrag auf Portugiesisch und es funktioniert einfach?</em> Das ist der letzte Datenpunkt (21. August): das dritte Mal um die 350 Wörter, und das ohne vorherigen portugiesischsprachigen Input.<br><br>Dass ich überhaupt bei durchschnittlich 200 Wörten landen konnte, liegt vor allem daran, dass ich in den einzelnen Sessions über persönliche Erlebnisse oder Themen aus den Medien schrieb. Dinge, die mich wirklich interessierten. Wenn ich eh schon etwas schreiben musste, dann sollte es wenigstens etwas Interessantes sein. Es war dann ganz natürlich, dass ich immer öfter auch portugiesischsprachige Quellen heranzog.<br><br>In den ersten Tagen recherchierte ich noch Sachen auf Deutsch. Später fasste ich einen portugiesischen Artikel zusammen und kommentierte ihn. Zuletzt machte ich mir Notizen auf Basis gleich mehrerer portugiesischer Internetseiten zu einem Thema. Ein Ergebnis davon ist dieser <a href="https://log.cw.nojs.de/warum-brennt-es-bei-euch-eigentlich-so-oft.html">Blogpost</a> über Waldbrände in Portugal.</p>
<p>Auf diese Weise erhöhte sich neben dem <em>Output</em> – Personal Best: 364 Wörter am 8. August – auch mein <em>Input</em> (und die Nutzung des Wörterbuchs) immens. Das fühlte sich total richtig an und ungewohnt professionell. Die letzten gut 30 Tage haben mich insofern auch gelehrt, das Sprachenlernen selbst noch besser zu verstehen – und wie wichtig es ist, seine verschiedenen Säulen miteinander zu kombinieren.</p>
<figure class="post__image post__image--center"><img src="https://log.cw.nojs.de/media/posts/6/sprachenlernen_dark.png" alt="" width="3606" height="2316">
<figcaption>Das Schaubild zeigt das Sprachenlernen in meiner bisherigen Challenge. Das Training vernetzte die vier Hauptfertigkeiten Hören/Lesen (Input) und Sprechen/Schreiben (Output). Ferner sind regel-basiertes Lernen (bottom down) und ein bisschen auch Fehlerkorrektur (bottum up) eingeflossen.</figcaption>
</figure>
<p>Wie eingangs erwähnt, bin ich hoch motiviert, mein Portugiesisch zu verbessern. Nach zwei Jahren des Arbeitens und Lebens in Portugal hat sich außerdem mein Nervensystem offenbar ausreichend beruhigt, um in den Ferien ein solches Lernprojekt stemmen zu können – und dabei Spaß zu haben. Insofern ist diese Challenge ein Grund für meinen Lernfortschritt, aber auch Ausdruck meiner gestiegenen Lernbereitschaft. Zum Beispiel las ich in diesen Ferien auch <span style="font-size: inherit;">mein erstes komplettes Buch auf Portugiesisch (ein Jugendbuch mit 150 Seiten), mit steigender Toleranz für die Menge von Seiten pro Tag. </span></p>
<p>Niemals hätte ich mir vorgenommen, in den Sommerferien so intensiv und regelmäßig – mitunter sogar stundenlang – mein Portugiesisch zu trainieren. Die Entscheidung zum täglichen Schreiben ist wie ein gehisstes Segel, das mich ins Sprechen und ins Lesen und somit ins kombinierte Training hineinzieht.</p>
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        <title>Warum brennt es bei euch eigentlich so oft?</title>
        <author>
            <name>Willy</name>
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            <category term="Portugal"/>

        <updated>2026-08-16T17:58:24+02:00</updated>
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                <![CDATA[
                    In diesem Post beschäftige ich mich mit den Waldbränden in Portugal. Was ist ihr Ausmaß? Warum sind sie so schlimm? Was sind ihre Ursachen? Und: Was habe ich aus der Recherche gelernt? Portugal hat den höchsten Anteil Europas, was die von Bränden betroffene Landesfläche pro&hellip;
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            <![CDATA[
                <p class="align-left">In diesem Post beschäftige ich mich mit den Waldbränden in Portugal. Was ist ihr Ausmaß? Warum sind sie so schlimm? Was sind ihre Ursachen? Und: Was habe ich aus der Recherche gelernt?</p>
<h2>Brandausmaß</h2>
<p>Portugal hat den höchsten Anteil Europas, was die <a href="https://ourworldindata.org/grapher/share-of-the-total-land-area-burnt-by-wildfires-each-year?country=PRT~OWID_EU27~ESP~ITA" target="_blank" rel="noopener noreferrer">von Bränden betroffene Landesfläche pro Jahr</a> angeht. Konkret heißt das, dass seit ungefähr 1977 jedes Jahr mindestens eine Fläche in der Größenordnung Berlins an Wald, Busch- und Agrarland brennt.[1] Im Rekordjahr 2017 war es sogar mehr als die doppelte Fläche des Saarlandes.</p>
<p>Dass vielleicht nicht Feuer per se, wohl aber immer häufigere und immer größere Waldbrände schlimm sind, leuchtet sofort ein. Aber aus welchen Gründen ist das eigentlich ein Übel?</p>
<p>2017 ist ein krasses Beispiel, weil erstmals mehr Zivilisten als Feuerwehrleute gestorben sind, insgesamt 122 Menschen, davon Dutzende auf besonders tragische Weise in ihren Autos im Kreis <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbr%C3%A4nde_in_Portugal_2017#Todesopfer">Pedrogão</a>. Ich glaube, die Bedeutung der Opfer dieser Katastrophe liegt darin, dass alle Menschen in Portugal nicht mehr durch Waldgebiete fahren können, ohne zu prüfen, ob der Abstand der Bäume den aktuellen Gesetzen entspricht. <span style="font-size: inherit;">Die Brände dieses Jahren waren zudem für über 20% der CO2-Emissionen des Landes verantwortlich, während in 'normalen' Jahren der portugiesische Wald mehr Kohlenstoff speichert als abgibt. Das heißt, die Waldbrände dieses Jahres </span><span style="font-size: inherit;">erhöhten die Wahrscheinlichkeit ihrer Wiederkehr, indem sie </span><span style="font-size: inherit;">zur globalen Erwärmung beitrugen.</span></p>
<p><span style="font-size: inherit;">Der Soziologe Hartmut Rosa behauptet, dass das, was solche Katastrophen zu einem Übel macht, vor allem </span><span style="font-size: inherit;">die Zunahme von Angst sei, das heißt, der Verlust des Gefühls, in einer uns freundlich ansprechenden Welt zu leben.</span><span style="font-size: inherit;">[2] Ich denke, es lohnt sich, diesen Gedanken im Hinterkopf zu behalten, weil es nicht nur um wirtschaftlichen oder ökologischen Schaden geht.</span></p>
<p>2022 waren etwa 12 mal 12km des Naturparks <em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Serra_da_Estrela">Serra da Estrela</a></em> – des größten Schutzgebiets Portugals – von Bränden betroffen. Das entspricht einem Viertel seiner Fläche. Einigen ist die Gebirgslandschaft ohnehin immer schon fremd gewesen, weil es dort "ja nur Steine" gibt. Die aber Gefallen daran finden, ja ihr Bedürfnis nach Ruhe dort stillen und Hoffnung schöpfen konnten, haben nun immer die Möglichkeit vor Augen, dass man dort im Sommer verbrennen könnte. So hört die <em>Serra da Estrela</em> für viele Menschen in Portugal (zumindest im Sommer) auf, ein Teil jener "Geografie der Hoffnung" zu sein, von der Wallace Stegner in seinem berühmten <em><a href="https://web.stanford.edu/~cbross/Ecospeak/wildernessletter.html">Wilderness Letter</a></em> schrieb. (Auch wenn die <em>Serra</em> in weiten Teilen Kulturlandschaft und keine unberührte Wildnis ist.)</p>
<p>Nehmen wir schließlich noch den <em>Pinhal de Leiria</em>. Der mit 11.000 Hektar etwas mehr als die Fläche Sylts umfassende See-Kiefern-Forst ist im Jahr 2017 zu 85% verbrannt. Selbst diese forstwirtschaftlichen Monokultur-Plantage (sogenannter Reinbestand) steht für viele Menschen nicht nur für ihre ökonomischen und ökologischen Leistungen wie Holzressourcen, Tourismuseinnahmen, Boden- und Küstenschutz, Wasser- und Luftfilter und Kohlenstoffspeicher. Man sagt, es schmerzte Anwohner und Touristen, weil sie dort Natur und Geschichte erleben konnten. Der <em>Pinhal de Leiria</em> wurde nämlich im 13. Jahrhundert von den Königen Alfons III und Dionysius als Schutz vor den Dünen und als Holzlieferant in Auftrag gegeben. Selbst auf der kleinen verschonten Fläche bleibt dieser <em>Königs-Pinhal</em> noch heute ein historischer Ort, an dem Besucher neben Sport und Entspannung innere Ruhe finden können. Das folgende Video von einem Fotografen, der aus einem Strandort am <em>Pinhal de Leiria</em> stammt, bringt den emotionalen Verlust zum Ausdruck.</p>
<div class="post__iframe"><iframe width="100%" height="500" src="https://player.vimeo.com/video/240996018" frameborder="0" allow="autoplay; fullscreen; picture-in-picture" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></div>
<h2>Brandgefahr</h2>
<p>Aber warum sind so viele portugiesischen Wälder überhaupt brandgefährdet? Der Klimawandel ist ja ein globales Phänomen; er erhöht nicht nur in Portugal bestehende Waldbrandpotentiale.</p>
<p>Gibt es vielleicht einfach mehr Wald in Portugal, der brennen kann? Nein. Mit 36% Waldflächenanteil liegt das Land nur knapp unter dem EU-Durchschnitt (39%).[3] Zum Vergleich: Deutschland hat etwa 32% Waldfläche.</p>
<p>Auch dass sagenhafte 40% der Wald- und Buschbrände in Portugal durch Brandstiftung verursacht werden [1, S. 30], ist kein Alleinstellungsmerkmal. Das ist mit Deutschland <a href="https://www.umweltdialog.de/de-wAssets/img/01Neue-Bilder/Gebundene-Bilder/2023/Infografik_Waldbrandstatistik_2022.jpg">vergleichbar</a>.<br><br>Ein Hauptgrund für die erhöhte Waldbrandgefahr in Portugal liegt in der Art der gepflanzten Reinbestände. Waren 1815 noch weniger als 10% der Landesfläche Wald, waren es vor allem durch die Aufforstung mit der Korkeiche um 1900 schon 21%.[4]<br>Seitdem setzte die Aufforstungspolitik außerdem zunehmend auf zwei Reinbestände, die heute als besonders brandgefährdet gelten: zunächst Pinus-Arten (Kiefern) und vor allem seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch noch auf den extrem schnell wachsenden Eukalyptus.[1, S. 7] Von der portugiesischen Zellstoffindustrie verwertet und von der internationalen Papierindustrie nachgefragt, hat der heute sogar seine weltweit dichteste Population in Portugal.[5]<br><br>Während die vor allem im Süden gepflanzte Korkeiche als besonders feuerresistent gilt, sind Kiefern und Eukalypten im Zentrum und Norden des Landes geradezu Brandbeschleuniger. Durch zentimeterdicke Schichten gefallener Nadeln Lauffeuer begünstigend, "dominieren Pinus-Arten brandgefährdete Ökosysteme der gesamten nördlichen Hemisphäre" [6]. Und auch der Eukalyptus brennt durch seine luftige Struktur und ätherischen Öle wie Zunder, wobei brennende Blätter vom Wind hunderte Meter weit verstreut werden können. Die Reinbestände an Kiefern und Eukalypten sind zusammen mit den global ansteigenden Temperaturen also einer der Hauptgründe für die geringe Waldbrandresistenz Portugals.<br><br>Es gibt aber noch einen zweiten wichtigen Grund, der portugiesische Wirtschaftswälder besonders brandgefährdet macht. Der besteht darin, dass man in diesen Wäldern eigentlich Pflegearbeiten machen muss, eben auch, um Bränden vorzubeugen. Doch wer ist für das Saubermachen ("limpeza") verantwortlich? Selbst die portugiesische Forst- und Naturschutzbehörde ICNF wurde bezichtigt, den staatlichen <em>Pinhal de Leiria</em> nicht ausreichend gepflegt und damit das Feuer in 2017 mit verursacht zu haben.[7] Und der portugiesische Staat hält nur 5% der portugiesischen Waldes. Zum Vergleich: Deutschlands Wälder sind zu 29% in öffentlicher Hand. In Portugal sind dagegen 90% des Waldes aufgeteilt auf geschätzte 400.000 private Eigentümer.[1, S. 8]<br><br>Vor allem im nördlichen Teil Portugals – also just in dem Teil mit den meisten "Streichhölzern" in Baumform – sind die Grundstücke besonders klein. Die Aufteilung privatisierten Brachlandes [4] hat über Generationen zu einem Flickenteppich an Grundeigentum geführt, den heute regional, geschweige denn national keiner mehr überschaut. Selbst auf einen Hektar kommen mitunter mehrere Eigentümer.<br><br>Dadurch ist die durchschnittliche Fläche an Wald oft zu klein für profitables Management [1, S. 8]. Und selbst wenn ein Stück Brachland nicht zu klein ist, dann ist die Chance hoch, dass es einfach eine ungünstige Lage für Forstwirtschaft hat oder dass sich der Boden zumindest nach 30 Jahren als ausgelaugt erweist.<br>Zum Beispiel gelten zwei Drittel der Eukalyptusplantagen als aufgegeben.[8] <br>Der globale Trend zur Landflucht treibt die Portugiesinnen und Portugiesen, wenn auch verspätet, so doch unaufhaltsam <a href="https://ourworldindata.org/grapher/share-urban-and-rural-population?country=~PRT">in die Städte</a>.<br><br>Niemand verhindert in aufgegebenen Forsten die Mischung von Eukalyptusplantagen mit Kiefern, die den Boden mit Nadeln bestreuseln, eine Mischung, die "die höchste Brandgefahr unter allen Waldtypen in Portugal" [9] darstellt. Niemand führt kontrollierte Brände durch, um die Brandlast zu minimieren. Niemand holt Totholz aus dem Wald, wenn Stürme mal wieder die ohnehin schwachen Bäume umgeknickt haben. Niemand kümmert sich um Feuerschneisen und Mindestabstände zu Straßen. Kurz: In aufgegebenen Reinbeständen gibt es kein Brandpräventions-Management.</p>
<h2>Was tun?</h2>
<p>Ich könnte jetzt damit enden, was man politisch alles tun muss und was auch zum Teil schon angegangen wird. Greenpeace fordert: Ausstieg aus fossiler Energie, verschiedene Baumarten statt Monokultur finanziell belohnen, das Liegenschaftskataster auf nationaler Ebene voranbringen, Brandschneisen und ähnliche Brandpräventionsmaßnahmen in Staatswäldern umsetzen und in Privatforsten fördern und schließlich mehr transnationale Zusammenarbeit mit Spanien.[1, S. 74ff.]<br><br>Mich persönlich hat die Recherche auf zwei Dinge neugierig gemacht.<br><br>Erstens: Bisher war meine Beziehung zur portugiesischen Natur darauf beschränkt, auf Gewässer zu schauen und die dort lebenden Vogelarten kennen und schätzen zu lernen. Die Arbeit an diesem Post hat mich neugierig gemacht, den <em>Pinhal de Leiria</em>, die <em>Serra da Estrela</em> und ähnliche Gebiete zu besuchen, egal ob Forste oder Schutzgebiete. Vielleicht besser im Herbst oder Winter ... Ja, es lockt mich sogar, in ein x-beliebiges Eukalyptuswäldchen zu gehen und selbst zu schauen, was es dort gibt oder nicht gibt (man spricht von einer "grünen Wüste").<br><br>Zweitens: Dieser Post hat mich für das Thema Waldbrand in Portugal generell geöffnet. Das Thema ist unangenehm, aber es hier zu besprechen, hat mir geholfen, trotzdem genauer hinzuschauen.<br><br></p>
<h2>Anmerkungen</h2>
<p>[1] vgl. Viegas, D. X., Alves, D., Rodrigues, T., Ribeiro, C., Ribeiro, L. M., Viegas, M. T., &amp; Almeida, M. (2026). Greenpeace Report on Wildfires in Portugal: More than 80 Years of Data Show that the Country Must Change. Greenpeace / Universidade de Coimbra, ADAI, Department of Mechanical Engineering. <a href="https://www.greenpeace.pt/wp-content/uploads/2026/06/GREENPEACE_RELATORIO_COMPLETO_INCENDIOS_ENG.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.greenpeace.pt/wp-content/uploads/2026/06/GREENPEACE_RELATORIO_COMPLETO_INCENDIOS_ENG.pdf</a></p>
<p>[2] vgl. Rosa, H. (2019). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp. S. 453–472.</p>
<p>[3] vgl. European Commission. Statistical Office of the European Union. (2025). Key figures on Europe: 2025 edition. Publications Office. S. 80. <a href="https://data.europa.eu/doi/10.2785/0857421">https://data.europa.eu/doi/10.2785/0857421</a></p>
<p>[4] vgl. Dinâmica rural e florestas nos últimos 200 anos em Portugal. (2020). Florestas. <a href="https://florestas.pt/conhecer/dinamica-rural-e-florestas-nos-ultimos-200-anos-em-portugal/">https://florestas.pt/conhecer/dinamica-rural-e-florestas-nos-ultimos-200-anos-em-portugal/</a></p>
<p>[5] vgl. Portugal é o país com maior área de eucalipto. (2017). Jornal de Leiria. <a href="https://www.jornaldeleiria.pt/noticia/portugal-e-o-pais-com-maior-area-de-eucalipto-6816">https://www.jornaldeleiria.pt/noticia/portugal-e-o-pais-com-maior-area-de-eucalipto-6816</a></p>
<p>[6] vgl. Tomé, M., Almeida, M. H., Barreiro, S., Branco, M. R., Deus, E., Pinto, G., Silva, J. S., Soares, P., &amp; Rodríguez-Soalleiro, R. (2021). Opportunities and challenges of Eucalyptus plantations in Europe: The Iberian Peninsula experience. European Journal of Forest Research, 140(3), 489–510. <a href="https://doi.org/10.1007/s10342-021-01358-z">https://doi.org/10.1007/s10342-021-01358-z </a>[meine Übersetzung]</p>
<p>[7] vgl. GNR multou ICNF por falta de limpeza da Mata Nacional de Leiria. (2019, März 29). <a href="GNR multou ICNF por falta de limpeza da Mata Nacional de Leiria. (2019, März 29). https://ominho.pt/gnr-multou-icnf-por-falta-de-limpeza-da-mata-nacional-de-leiria/">https://ominho.pt/gnr-multou-icnf-por-falta-de-limpeza-da-mata-nacional-de-leiria/</a></p>
<p>[8] vgl. marianaviana. (2025, März 6). O eucalipto tem lugar na floresta portuguesa? Associação Sistema Terrestre Sustentável. <a href="https://zero.ong/blog/o-eucalipto-tem-lugar-na-floresta-portuguesa/">https://zero.ong/blog/o-eucalipto-tem-lugar-na-floresta-portuguesa/</a></p>
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        <title>Gelesen: Dschinns von Fatma Aydemir</title>
        <author>
            <name>Willy</name>
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        <updated>2026-08-06T23:37:10+02:00</updated>
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                <![CDATA[
                    Vor ein paar Tagen habe ich meine erste Ferienlektüre, Fatma Aydemirs Dschinns [1], beendet. Ich finde Bücher interessant, die, wie dieses, eine Familie mit eher schlechten Startbedingungen zeigen. Die Bedrängnisse, denen die türkisch-kurdische Familie in Aydemirs Roman ausgesetzt ist, gefährden den Draht aller Familienmitglieder zu&hellip;
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        <content type="html">
            <![CDATA[
                <p><span style="font-size: inherit;">Vor ein paar Tagen habe ich meine erste Ferienlektüre, Fatma Aydemirs <em>Dschinns </em>[1], beendet. Ich finde Bücher interessant, die, wie dieses, eine Familie mit eher schlechten Startbedingungen zeigen. Die Bedrängnisse, denen die türkisch-kurdische Familie in Aydemirs Roman ausgesetzt ist, gefährden den Draht aller Familienmitglieder zu sich selbst und zu anderen Menschen stark, auch wenn er nicht ganz zerreißt. Ich schöpfe Orientierung aus dem, was die Figuren sich trotz allem bewahren. Es ist eine Mischung aus Überzeugungen, Empathie, Offenheit, Hoffnung und ihrer eigenen Stimme.[2]</span></p>
<hr>
<h2>Schlecht starten</h2>
<p><span style="font-size: inherit;">Die Startbedingungen sind die Folgenden.</span></p>
<p>Der Familienvater Hüseyin kämpfte als junger und armer Kurde in einer Armee gegen kurdische Aufständische. Man kann nur vermuten, dass er darin seine einzige Chance sah, über die Runden zu kommen. Zeitlebens wird er schlecht träumen aufgrund dieser Erfahrung. Auch gab er damals seine Muttersprache (Kurdisch) auf und zwang auch seine Frau, Emine, dasselbe zu tun. Ein zweiter Verlust kommt hinzu. Da sein großer Bruder Ahmet und dessen Frau Ayşe keine eigenen Kinder bekommen konnten, mussten Hüseyin und Emine ihr Erstgeborenes innerhalb der Familie weitergeben. Emine verwindet diesen Schmerz nie, zumal ihr zweites Kind, Sevda, eine schwere Geburt und ein Schreikind ist, das ihr alle Nerven raubt. Der Vater geht wenige Jahre später nach Deutschland, um als Fabrikarbeiter Geld zu verdienen. Er holt später Emine nach. Die muslimische Frau hat nur einen Grundschulabschluss und wird in Deutschland weder arbeiten noch das Haus zu etwas anderem verlassen als zum Einkaufen. Die gemeinsame Tochter Sevda jedoch bleibt in ihrem Heimatdorf. Als ihr Vater sie endlich nachholt, ist sie acht Jahre alt und die einzige Schule, die sie besucht hat, ist die der Einsamkeit. Aber auch in Deutschland geben ihre Eltern sie auf keine Schule.<br><br>Hüseyin und Emine bekommen in Deutschland drei weitere Kinder: Hakan, Perihan und Ümit. Jetzt ist es zwar so, dass die großen Kinder bereits eigene Wege gehen. Sevda hat sich mit einer Pizzaria und Hakan als Gebrauchtwarenhändler selbständig gemacht und Perihan schaffte als erste in der Familie den Sprung in ein Studium. Aber alle vier Kinder erfahren von ihren verbitterten Eltern, die weder über ihre eigenen Gefühle sprechen noch Verständnis für die Probleme und Interessen ihrer Kinder haben, nicht die Unterstützung, die sie sich wünschen. Perihan schraubt ihre eigenen Ansprüche an die Eltern noch am besten zurück, wenn sie feststellt, dass die Mutter “Generationen an Unterdrückung und Armut und Mangel an Bildung” (198) davon trennen, ein Leben als moderne Frau zu führen. Gleichzeitig leiden die Kinder aber auch unter ihrer Stigmatisierung durch die deutsche Gesellschaft, von der sie viel mehr wahrnehmen als ihre Eltern. So beschwert sich Hakan über seine Eltern,</p>
<blockquote>
<p>die nicht wussten, wie das Leben war in einer Scheißstadt, in der alle Ladenverkäufer den Verdacht hatten, dass sie klauten, alle Lehrer davon ausgingen, dass sie dumm waren, und alle Glatzen in der Fußgängerzone dafür sorgen wollten, dass sie behindert waren oder tot. (252)</p>
</blockquote>
<p><span style="font-size: inherit;">Das schwere Erbe der Kinder erinnert mich an einen Satz von Saša Stanišić, dem zufolge das Lesen von Literatur bedeutet, "sich den Bedrängnissen anderer auszusetzen". Warum machen wir das eigentlich? Oder warum sollte man das überhaupt tun, wenn man von schlechten Nachrichten schon genug hat?</span></p>
<p>Die eine Antwort ist, dass es nicht genügt zu denken, dass die Welt schlecht ist, sondern dass man miteinander darüber sprechen soll, was an Schlechtem passiert und woher es kommt.<span style="font-size: inherit;">[3]</span> Im Licht von <em>Dschinns</em> kann man zum Beispiel besser verstehen, was es heißt, die Hürden der Integration zu nehmen, wenn Diskriminierungserfahrungen alltäglich sind und zuhause nicht nur das Geld knapp ist, sondern auch die Eltern als sicherer Hafen fehlen, da sie, selbst Opfer sozial geschlossener Verhältnisse, ohnmächtig sind und ungebildet und gegen sich und andere verhärtet. Im Falle Hakans war zerstrittenes "Schweigen [...] der Soundtrack seiner Kindheit" (281) und der eigene Vater ließ ihn sich so klein fühlen wie ein "Staubkorn" (263).</p>
<h2>Draht zu sich und anderen</h2>
<p><span style="font-size: inherit;">Die andere Antwort betrifft aber das mit der Verbindung zu sich und zu anderen. Literatur wie <em>Dschinns</em> zeigt im Brennglas, inwiefern Individuen, die Bedrängnisse erleiden, nichtsdestotrotz Akteure bleiben können, Individuen, die mit ihren Intentionen und Interessen, ihren Werten, Bedürfnissen und Sehnsüchten <em>mehr</em> sind als Traumatisierte, Diskriminierte, Beherrschte, Erschöpfte und Entfremdete. Idealerweise bleiben sie fähig, Resonanz zu erfahren.</span></p>
<p>Resonanz kann sein, dass man jemanden findet, der, wie Ümits Schulfreund Jonas, "auch immer das Gefühl gehabt [hat], in ihm sei etwas kaputt" (57).</p>
<p>Kurzzeitig war Resonanz für Hüseyin, seine Tochter Sevda in seinen jährlichen Urlaubsbesuchen in der Türkei zu sehen und zu beschenken und zu küssen (vgl. 92). Langfristig war es für Sevda vor und nach diesen Besuchen die Einsamkeit in ihrem Heimatdorf, in der sie lernte, "ihre eigenen Gedanken zu formen und nur auf sie hören" (84). Dieses tragische Glück, das sie in ihrem Leben stärkt, weil sie, statt auf andere zu hören, mitfühlend ist mit sich selbst und mit ihren Lieben. Das ihr ermöglicht, dass sie um ihren Vater "heult", obwohl er sie zu ihrem Ehemann Ihsan zurückschickte (arrangierte Ehe), als der sie im Stich gelassen hatte. Resonanz ist, zu heulen, weil sie ihrem verstorbenen Vater nicht mehr wird "zuflüstern können, dass sie ihm längst verziehen hat" (108). Resonanz ist auch, dass sie gegen den Willen ihres Ehemanns Ihsan, der seinen Lohn versäuft, in einer Wäscherei anheuert und als zweifache Mutter das erste Gehalt ihres Lebens erhält. Da "stand sie mit den Kindern am Springbrunnen vor der Bankfiliale und weinte leise <em>vor</em> Glück" (126). </p>
<p>Für Hakan ist Resonanz sein Freund Musti und die Welt von Hip Hop und Break Dance. Es ist seine deutsche Freundin, mit der zusammen er eine heile Welt erfährt, und es ist das Rasen auf der Autobahn: “Die einzige Freiheit, die einem dieses verfickte Land nicht verbietet.” (229)</p>
<p>Für Emine war Resonanz<em> </em>zunächst ihr Mann und dann das erste Kind, bevor es ihr genommen wurde. "Du", sagt die Erzählstimme, "platztest vor Glück" (301) und, mit den Schwiegereltern zusammenlebend, "sehntest du dich nach den Nächten, in denen ihr zu dritt im Bett lagt, im sanften Kerzenlicht, und euer Glück kaum fassen konntet" (ebd.). Später ist es wieder ihr neugeborenes zweites Enkelkind Bahar, das etwas in ihr umschaltet, etwas, das sie so "respektvoll und einfühlsam" (122) macht, wie Sevda ihre Mutter noch nie zuvor erlebt hat und nie danach wieder erleben wird. Und schließlich ist es für sie das Wiedersehen nach Jahren der Funkstille mit ihrer erwachsenen Tochter Sevda. Nach der Beerdigung von Hüseyin, er an einem Herzinfarkt starb, streichelt sie sie, riecht ihre Locken, umarmt die Schluchzende und tröstet sie (vgl. 305) mit einem <em>"Schh..."</em>, </p>
<blockquote>
<p>als ob du ihr sagen wolltest, <em>alles wird gut, Kızım</em><i>, obwohl du weißt, dass es nicht stimmt. Es wird nicht alles gut. Doch wird Allah uns die Geduld geben, weiterzuleben und uns um jene zu sorgen, die uns geblieben sind. Und jene nie zu vergessen, die wir verloren haben. (306)</i></p>
</blockquote>
<p>Für mich sind diese Sätze einer Erzählstimme, die besser über die Gefühle der Figuren sprechen kann als diese selbst, ein Geschenk an die deutsche Literatur. Ausdruck einer kostbaren, weil stets gefährdeten Nähe zu sich selbst und zu anderen, an deren Bedeutung wir gar nicht oft genug erinnert werden können.</p>
<p>[^1]: Im Folgenden zitiert nach der Lizenzausgabe bei dtv (14. Auflage, 2025).</p>
<p>[^2]: Ich denke hier an Hartmut Rosas Theorie der Resonanz. Das hier soll aber kein Theorie-Post werden.</p>
<p>[^3]: Diese Behauptung ist inspiriert von Hannah Arendt – (2023). Freundschaft in finsteren Zeiten: Gedanken zu Lessing (M. Bormuth, Hrsg.; 3. Auflage). Matthes &amp; Seitz. S. 73-77 – und Édouard Louis, der ihr in Aussagen <a href="https://youtu.be/AF7s16ATbJc?si=WevJRRrMrER2CzCy&amp;t=1879">wie dieser</a> hier ausdrücklich folgt.</p>
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        <title>Was macht eigentlich dein Portugiesisch?</title>
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            <name>Willy</name>
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        <updated>2026-08-02T22:08:18+02:00</updated>
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                    Wenn ich hier in Portugal über kurz oder lang kein passables Portugiesisch lernen würde, wäre das ein Wunder. Ich bin ja täglich mit Portugiesisch konfrontiert und mache daher Fortschritte. Die Sprachkurse meiner Uni haben dabei sehr geholfen. Mein Portugiesisch ist trotzdem noch in den Kinderschuhen,&hellip;
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                <p>Wenn ich hier in Portugal über kurz oder lang kein passables Portugiesisch lernen würde, wäre das ein Wunder. Ich bin ja täglich mit Portugiesisch konfrontiert und mache daher Fortschritte. Die Sprachkurse meiner Uni haben dabei sehr geholfen.</p><!-- more -->

<p>Mein Portugiesisch ist trotzdem noch in den Kinderschuhen, ganz einfach, weil unsere Beziehungssprache Deutsch ist. Da ist das normal. Dennoch nutze ich Portugiesisch täglich, im Café, auf den Fluren der Universität, im Sekretariat des Departments, beim Fernsehen oder am Esstisch der portugiesischen Familie. Grammatik zu lernen ist dabei aber auch wichtig für mich, weil es das Wiedererkennen gewisser Strukturen fördert. Manche, die unser Kind jetzt einfach so zu verwenden beginnt (zum Beispiel <em>indirekte Rede</em>), erkenne ich nur, weil ich sie im letzten Winter in meinem dritten Sprachkurs kennengelernt habe. Wenn sie mir so in <em>meinem Leben</em> begegnen, vergesse ich sie nicht mehr.</p><p>Apropos Sprachkurse. Seit unserer Ankunft vor dem Wintersemester 2024 habe ich in drei Semestern jeweils einen Sprachkurs belegt. Zwei Mal neunzig Minuten pro Woche jeweils nach der Arbeit. Offiziell waren das die Niveaus A2, B1 und B2. In dieser Druckbetankung wurde ich natürlich über gewisse Schwellen gepusht. Als ich mit A1 hier ankam (d.h. ich konnte mich vorstellen und einen Kaffee bestellen), konnte ich nicht frei über ein Thema vortragen. Im ersten Semester habe ich meinen Vortrag über die Band <em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=pQhYQLI-2Tg">Xutos</a></em> auswendig gelernt. Im nächsten Semester dasselbe (über den Schriftsteller Lobo Antunes): alles auswendig gelernt. Aber schon mit deutlich weniger Stress beim Sprechen. Im dritten Semester (über Halsbandsittiche in Deutschland) konnte ich dann erstmals ohne Auswendiglernen frei vortragen, freilich auf Basis intensiv vorbereiteter Vokabeln.</p><p>Alle drei Kurse habe ich übrigens fast <em>ohne zu pauken</em> bestanden, mit ca. 16,5 von 20 (entspricht Note 2 nach deutschem System). Man möchte halt auch mal Feierabend machen. Aber nach dem ersten Kurs wusste ich, dass ich für das Lernen der wichtigsten Verben und ihrer jeweiligen Konjugation in Präsens, Perfekt und Imperfekt (siehe Bild) die Unterstützung einer Karteikarten-App (Anki) gebrauchen könnte. Die Angst im nächsten Semester hinterherzuhängen, wo das vorausgesetzt werden würde. Auch das war ein Ansporn, ein Privileg.</p><figure class="post__image"><img src="https://log.cw.nojs.de/media/posts/1/verben.jpg" alt="Konjugationstabellen für die wichtigsten portugiesischen Verben" width="3601" height="2048"></figure><details>
<summary>Mehr über die Lernaktion mit Anki</summary>

<p>Es handelt sich “nur” um drei Hilfsverben, drei reguläre Konjugationstypen und sechzehn irreguläre Verben mit jeweils fünf Formen in Singular und Plural in den drei Zeiten Präsens, Perfekt und Imperfekt. Von den meisten davon braucht man tatsächlich oft irgendeine Form, zum Beispiel, um zu sagen, was man selbst zum Mittag gegessen oder vorgestern gemacht, gesagt, gesehen oder gelesen hat. Viele Formen braucht man aber eben nicht andauernd (für sowas wie <em>ihr wusstet gestern</em>). Ich hatte bis dahin gar keine Routine, um die entsprechenden 330 verschiedenen Formen in möglichst kurzer Zeit zu lernen. 
<br>
“Lernen” in kurzer Zeit in Anführungsstrichen. Lernen mit Anki ist etwa wie Samen keimen zu lassen, aber trotz Pflege gehen nicht alle Samen auf. Und die, die Wurzeln treiben, pflanzt man oft nicht rechtzeitig im ‘echten Leben’ ein, wo man sie öfter hört, liest oder selbst verwendet. Meist erinnere ich mich eher an Situationen im echten Leben, um ein Verb zu konjugieren, statt an eine Karteikarte. Aber die Karteikarten haben mir trotzdem geholfen, jene Formen im Alltag wiederzuerkennen, die mir noch nicht total vertraut waren. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal “fizeram” (3. Person Plural von “machen” im Perfekt) in einem Redefluss erkannt habe, dem ich nur schwer folgen konnte. Unbezahlbar! </p><br>
Jedenfalls hatte ich damals schließlich ChatGPT darum gebeten (ich bin ein freundlicher Mensch), mir eine Tabelle mit den Konjugationen zu erstellen, die Anki importieren konnte. Händisches Abtippen wäre sicher besser gewesen, aber dafür hatte ich in der Winterpause damals keine Nerven. Als es geklappt hatte und meine Anki-Smartphone-App mich häppchenweise abzufragen begann, fühlte ich mich wie ein kleiner Hacker. 

<p>Für die Konjugation der Verben habe ich um den Jahreswechsel 2024/2025 herum dann übrigens sechs Wochen lang täglich sechs Minuten am Tag gepaukt. (Die App trackt die Zeit.) Das klingt wenig? In Deutschland wäre es vielleicht gar nicht erst zu dieser Ich-muss-mir-das-in-den-Ferien-draufschaffen-Not gekommen.</p></details>

<p>Dennoch ist klar: Ich habe nicht B2. Das ist unrealistisch in drei Semestern, wenn man gerade so A1 hatte und höchstens zwei Feierabende pro Woche investieren kann. Einige Teile der Konjugation hatte ich noch nie wirklich präsent beim Sprechen. Und ich verstehe noch immer nur Bruchstücke, wenn Portugiesen im echten Leben in ihrer eigenen Geschwindigkeit miteinander sprechen und ich die Kontexte nicht kenne. Daher höre ich bisher auch wenig Podcasts, lese kaum Zeitschriften oder Zeitungen, geschweige denn ganze Bücher. </p><p>Aber immerhin kann ich mehr und mehr Gespräche privat und auf Arbeit führen, spontan, ohne mir vorher Worte zurechtzulegen. Ich kann meinen Kopf leermachen beim Schreiben auf Portugiesisch. Ich kann auch komplexerem Input ganz gut folgen, wenn mir das Thema einigermaßen vertraut ist. Zum Beispiel ein Artikel über Stress in einem Lifestyle-Magazin oder ein Fachartikel zur Literaturgeschichte der Romantik oder Schlinks “Vorleser”, den ich schon kenne. Ich muss dafür auch einigermaßen fit sein, es hat noch nichts Selbstverständliches. Aber es ist doch schon so viel mehr als das, was ich vor zwei Jahren konnte!</p>
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