Was macht eigentlich dein Portugiesisch?
Wenn ich hier in Portugal über kurz oder lang kein passables Portugiesisch lernen würde, wäre das ein Wunder. Ich bin ja täglich mit Portugiesisch konfrontiert und mache daher Fortschritte. Die Sprachkurse meiner Uni haben dabei sehr geholfen.
Mein Portugiesisch ist trotzdem noch in den Kinderschuhen, ganz einfach, weil unsere Beziehungssprache Deutsch ist. Da ist das normal. Dennoch nutze ich Portugiesisch täglich, im Café, auf den Fluren der Universität, im Sekretariat des Departments, beim Fernsehen oder am Esstisch der portugiesischen Familie. Grammatik zu lernen ist dabei aber auch wichtig für mich, weil es das Wiedererkennen gewisser Strukturen fördert. Manche, die unser Kind jetzt einfach so zu verwenden beginnt (zum Beispiel indirekte Rede), erkenne ich nur, weil ich sie im letzten Winter in meinem dritten Sprachkurs kennengelernt habe. Wenn sie mir so in meinem Leben begegnen, vergesse ich sie nicht mehr.
Apropos Sprachkurse. Seit unserer Ankunft vor dem Wintersemester 2024 habe ich in drei Semestern jeweils einen Sprachkurs belegt. Zwei Mal neunzig Minuten pro Woche jeweils nach der Arbeit. Offiziell waren das die Niveaus A2, B1 und B2. In dieser Druckbetankung wurde ich natürlich über gewisse Schwellen gepusht. Als ich mit A1 hier ankam (d.h. ich konnte mich vorstellen und einen Kaffee bestellen), konnte ich nicht frei über ein Thema vortragen. Im ersten Semester habe ich meinen Vortrag über die Band Xutos auswendig gelernt. Im nächsten Semester dasselbe (über den Schriftsteller Lobo Antunes): alles auswendig gelernt. Aber schon mit deutlich weniger Stress beim Sprechen. Im dritten Semester (über Halsbandsittiche in Deutschland) konnte ich dann erstmals ohne Auswendiglernen frei vortragen, freilich auf Basis intensiv vorbereiteter Vokabeln.
Alle drei Kurse habe ich übrigens fast ohne zu pauken bestanden, mit ca. 16,5 von 20 (entspricht Note 2 nach deutschem System). Man möchte halt auch mal Feierabend machen. Aber nach dem ersten Kurs wusste ich, dass ich für das Lernen der wichtigsten Verben und ihrer jeweiligen Konjugation in Präsens, Perfekt und Imperfekt (siehe Bild) die Unterstützung einer Karteikarten-App (Anki) gebrauchen könnte. Die Angst im nächsten Semester hinterherzuhängen, wo das vorausgesetzt werden würde. Auch das war ein Ansporn, ein Privileg.

Mehr über die Lernaktion mit Anki
Es handelt sich “nur” um drei Hilfsverben, drei reguläre Konjugationstypen und sechzehn irreguläre Verben mit jeweils fünf Formen in Singular und Plural in den drei Zeiten Präsens, Perfekt und Imperfekt. Von den meisten davon braucht man tatsächlich oft irgendeine Form, zum Beispiel, um zu sagen, was man selbst zum Mittag gegessen oder vorgestern gemacht, gesagt, gesehen oder gelesen hat. Viele Formen braucht man aber eben nicht andauernd (für sowas wie ihr wusstet gestern). Ich hatte bis dahin gar keine Routine, um die entsprechenden 330 verschiedenen Formen in möglichst kurzer Zeit zu lernen.
“Lernen” in kurzer Zeit in Anführungsstrichen. Lernen mit Anki ist etwa wie Samen keimen zu lassen, aber trotz Pflege gehen nicht alle Samen auf. Und die, die Wurzeln treiben, pflanzt man oft nicht rechtzeitig im ‘echten Leben’ ein, wo man sie öfter hört, liest oder selbst verwendet. Meist erinnere ich mich eher an Situationen im echten Leben, um ein Verb zu konjugieren, statt an eine Karteikarte. Aber die Karteikarten haben mir trotzdem geholfen, jene Formen im Alltag wiederzuerkennen, die mir noch nicht total vertraut waren. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal “fizeram” (3. Person Plural von “machen” im Perfekt) in einem Redefluss erkannt habe, dem ich nur schwer folgen konnte. Unbezahlbar!
Jedenfalls hatte ich damals schließlich ChatGPT darum gebeten (ich bin ein freundlicher Mensch), mir eine Tabelle mit den Konjugationen zu erstellen, die Anki importieren konnte. Händisches Abtippen wäre sicher besser gewesen, aber dafür hatte ich in der Winterpause damals keine Nerven. Als es geklappt hatte und meine Anki-Smartphone-App mich häppchenweise abzufragen begann, fühlte ich mich wie ein kleiner Hacker.
Für die Konjugation der Verben habe ich um den Jahreswechsel 2024/2025 herum dann übrigens sechs Wochen lang täglich sechs Minuten am Tag gepaukt. (Die App trackt die Zeit.) Das klingt wenig? In Deutschland wäre es vielleicht gar nicht erst zu dieser Ich-muss-mir-das-in-den-Ferien-draufschaffen-Not gekommen.
Dennoch ist klar: Ich habe nicht B2. Das ist unrealistisch in drei Semestern, wenn man gerade so A1 hatte und höchstens zwei Feierabende pro Woche investieren kann. Einige Teile der Konjugation hatte ich noch nie wirklich präsent beim Sprechen. Und ich verstehe noch immer nur Bruchstücke, wenn Portugiesen im echten Leben in ihrer eigenen Geschwindigkeit miteinander sprechen und ich die Kontexte nicht kenne. Daher höre ich bisher auch wenig Podcasts, lese kaum Zeitschriften oder Zeitungen, geschweige denn ganze Bücher.
Aber immerhin kann ich mehr und mehr Gespräche privat und auf Arbeit führen, spontan, ohne mir vorher Worte zurechtzulegen. Ich kann meinen Kopf leermachen beim Schreiben auf Portugiesisch. Ich kann auch komplexerem Input ganz gut folgen, wenn mir das Thema einigermaßen vertraut ist. Zum Beispiel ein Artikel über Stress in einem Lifestyle-Magazin oder ein Fachartikel zur Literaturgeschichte der Romantik oder Schlinks “Vorleser”, den ich schon kenne. Ich muss dafür auch einigermaßen fit sein, es hat noch nichts Selbstverständliches. Aber es ist doch schon so viel mehr als das, was ich vor zwei Jahren konnte!