Gelesen: Dschinns von Fatma Aydemir
Vor ein paar Tagen habe ich meine erste Ferienlektüre, Fatma Aydemirs Dschinns [1], beendet. Ich finde Bücher interessant, die, wie dieses, eine Familie mit eher schlechten Startbedingungen zeigen. Die Bedrängnisse, denen die türkisch-kurdische Familie in Aydemirs Roman ausgesetzt ist, gefährden den Draht aller Familienmitglieder zu sich selbst und zu anderen Menschen stark, auch wenn er nicht ganz zerreißt. Ich schöpfe Orientierung aus dem, was die Figuren sich trotz allem bewahren. Es ist eine Mischung aus Überzeugungen, Empathie, Offenheit, Hoffnung und ihrer eigenen Stimme.[2]
Schlecht starten
Die Startbedingungen sind die Folgenden.
Der Familienvater Hüseyin kämpfte als junger und armer Kurde in einer Armee gegen kurdische Aufständische. Man kann nur vermuten, dass er darin seine einzige Chance sah, über die Runden zu kommen. Zeitlebens wird er schlecht träumen aufgrund dieser Erfahrung. Auch gab er damals seine Muttersprache (Kurdisch) auf und zwang auch seine Frau, Emine, dasselbe zu tun. Ein zweiter Verlust kommt hinzu. Da sein großer Bruder Ahmet und dessen Frau Ayşe keine eigenen Kinder bekommen konnten, mussten Hüseyin und Emine ihr Erstgeborenes innerhalb der Familie weitergeben. Emine verwindet diesen Schmerz nie, zumal ihr zweites Kind, Sevda, eine schwere Geburt und ein Schreikind ist, das ihr alle Nerven raubt. Der Vater geht wenige Jahre später nach Deutschland, um als Fabrikarbeiter Geld zu verdienen. Er holt später Emine nach. Die muslimische Frau hat nur einen Grundschulabschluss und wird in Deutschland weder arbeiten noch das Haus zu etwas anderem verlassen als zum Einkaufen. Die gemeinsame Tochter Sevda jedoch bleibt in ihrem Heimatdorf. Als ihr Vater sie endlich nachholt, ist sie acht Jahre alt und die einzige Schule, die sie besucht hat, ist die der Einsamkeit. Aber auch in Deutschland geben ihre Eltern sie auf keine Schule.
Hüseyin und Emine bekommen in Deutschland drei weitere Kinder: Hakan, Perihan und Ümit. Jetzt ist es zwar so, dass die großen Kinder bereits eigene Wege gehen. Sevda hat sich mit einer Pizzaria und Hakan als Gebrauchtwarenhändler selbständig gemacht und Perihan schaffte als erste in der Familie den Sprung in ein Studium. Aber alle vier Kinder erfahren von ihren verbitterten Eltern, die weder über ihre eigenen Gefühle sprechen noch Verständnis für die Probleme und Interessen ihrer Kinder haben, nicht die Unterstützung, die sie sich wünschen. Perihan schraubt ihre eigenen Ansprüche an die Eltern noch am besten zurück, wenn sie feststellt, dass die Mutter “Generationen an Unterdrückung und Armut und Mangel an Bildung” (198) davon trennen, ein Leben als moderne Frau zu führen. Gleichzeitig leiden die Kinder aber auch unter ihrer Stigmatisierung durch die deutsche Gesellschaft, von der sie viel mehr wahrnehmen als ihre Eltern. So beschwert sich Hakan über seine Eltern,
die nicht wussten, wie das Leben war in einer Scheißstadt, in der alle Ladenverkäufer den Verdacht hatten, dass sie klauten, alle Lehrer davon ausgingen, dass sie dumm waren, und alle Glatzen in der Fußgängerzone dafür sorgen wollten, dass sie behindert waren oder tot. (252)
Das schwere Erbe der Kinder erinnert mich an einen Satz von Saša Stanišić, dem zufolge das Lesen von Literatur bedeutet, "sich den Bedrängnissen anderer auszusetzen". Warum machen wir das eigentlich? Oder warum sollte man das überhaupt tun, wenn man von schlechten Nachrichten schon genug hat?
Die eine Antwort ist, dass es nicht genügt zu denken, dass die Welt schlecht ist, sondern dass man miteinander darüber sprechen soll, was an Schlechtem passiert und woher es kommt.[3] Im Licht von Dschinns kann man zum Beispiel besser verstehen, was es heißt, die Hürden der Integration zu nehmen, wenn Diskriminierungserfahrungen alltäglich sind und zuhause nicht nur das Geld knapp ist, sondern auch die Eltern als sicherer Hafen fehlen, da sie, selbst Opfer sozial geschlossener Verhältnisse, ohnmächtig sind und ungebildet und gegen sich und andere verhärtet. Im Falle Hakans war zerstrittenes "Schweigen [...] der Soundtrack seiner Kindheit" (281) und der eigene Vater ließ ihn sich so klein fühlen wie ein "Staubkorn" (263).
Draht zu sich und anderen
Die andere Antwort betrifft aber das mit der Verbindung zu sich und zu anderen. Literatur wie Dschinns zeigt im Brennglas, inwiefern Individuen, die Bedrängnisse erleiden, nichtsdestotrotz Akteure bleiben können, Individuen, die mit ihren Intentionen und Interessen, ihren Werten, Bedürfnissen und Sehnsüchten mehr sind als Traumatisierte, Diskriminierte, Beherrschte, Erschöpfte und Entfremdete. Idealerweise bleiben sie fähig, Resonanz zu erfahren.
Resonanz kann sein, dass man jemanden findet, der, wie Ümits Schulfreund Jonas, "auch immer das Gefühl gehabt [hat], in ihm sei etwas kaputt" (57).
Kurzzeitig war Resonanz für Hüseyin, seine Tochter Sevda in seinen jährlichen Urlaubsbesuchen in der Türkei zu sehen und zu beschenken und zu küssen (vgl. 92). Langfristig war es für Sevda vor und nach diesen Besuchen die Einsamkeit in ihrem Heimatdorf, in der sie lernte, "ihre eigenen Gedanken zu formen und nur auf sie hören" (84). Dieses tragische Glück, das sie in ihrem Leben stärkt, weil sie, statt auf andere zu hören, mitfühlend ist mit sich selbst und mit ihren Lieben. Das ihr ermöglicht, dass sie um ihren Vater "heult", obwohl er sie zu ihrem Ehemann Ihsan zurückschickte (arrangierte Ehe), als der sie im Stich gelassen hatte. Resonanz ist, zu heulen, weil sie ihrem verstorbenen Vater nicht mehr wird "zuflüstern können, dass sie ihm längst verziehen hat" (108). Resonanz ist auch, dass sie gegen den Willen ihres Ehemanns Ihsan, der seinen Lohn versäuft, in einer Wäscherei anheuert und als zweifache Mutter das erste Gehalt ihres Lebens erhält. Da "stand sie mit den Kindern am Springbrunnen vor der Bankfiliale und weinte leise vor Glück" (126).
Für Hakan ist Resonanz sein Freund Musti und die Welt von Hip Hop und Break Dance. Es ist seine deutsche Freundin, mit der zusammen er eine heile Welt erfährt, und es ist das Rasen auf der Autobahn: “Die einzige Freiheit, die einem dieses verfickte Land nicht verbietet.” (229)
Für Emine war Resonanz zunächst ihr Mann und dann das erste Kind, bevor es ihr genommen wurde. "Du", sagt die Erzählstimme, "platztest vor Glück" (301) und, mit den Schwiegereltern zusammenlebend, "sehntest du dich nach den Nächten, in denen ihr zu dritt im Bett lagt, im sanften Kerzenlicht, und euer Glück kaum fassen konntet" (ebd.). Später ist es wieder ihr neugeborenes zweites Enkelkind Bahar, das etwas in ihr umschaltet, etwas, das sie so "respektvoll und einfühlsam" (122) macht, wie Sevda ihre Mutter noch nie zuvor erlebt hat und nie danach wieder erleben wird. Und schließlich ist es für sie das Wiedersehen nach Jahren der Funkstille mit ihrer erwachsenen Tochter Sevda. Nach der Beerdigung von Hüseyin, er an einem Herzinfarkt starb, streichelt sie sie, riecht ihre Locken, umarmt die Schluchzende und tröstet sie (vgl. 305) mit einem "Schh...",
als ob du ihr sagen wolltest, alles wird gut, Kızım, obwohl du weißt, dass es nicht stimmt. Es wird nicht alles gut. Doch wird Allah uns die Geduld geben, weiterzuleben und uns um jene zu sorgen, die uns geblieben sind. Und jene nie zu vergessen, die wir verloren haben. (306)
Für mich sind diese Sätze einer Erzählstimme, die besser über die Gefühle der Figuren sprechen kann als diese selbst, ein Geschenk an die deutsche Literatur. Ausdruck einer kostbaren, weil stets gefährdeten Nähe zu sich selbst und zu anderen, an deren Bedeutung wir gar nicht oft genug erinnert werden können.
[^1]: Im Folgenden zitiert nach der Lizenzausgabe bei dtv (14. Auflage, 2025).
[^2]: Ich denke hier an Hartmut Rosas Theorie der Resonanz. Das hier soll aber kein Theorie-Post werden.
[^3]: Diese Behauptung ist inspiriert von Hannah Arendt – (2023). Freundschaft in finsteren Zeiten: Gedanken zu Lessing (M. Bormuth, Hrsg.; 3. Auflage). Matthes & Seitz. S. 73-77 – und Édouard Louis, der ihr in Aussagen wie dieser hier ausdrücklich folgt.