Warum brennt es bei euch eigentlich so oft?

In diesem Post beschäftige ich mich mit den Waldbränden in Portugal. Was ist ihr Ausmaß? Warum sind sie so schlimm? Was sind ihre Ursachen? Und: Was habe ich aus der Recherche gelernt?

Brandausmaß

Portugal hat den höchsten Anteil Europas, was die von Bränden betroffene Landesfläche pro Jahr angeht. Konkret heißt das, dass seit ungefähr 1977 jedes Jahr mindestens eine Fläche in der Größenordnung Berlins an Wald, Busch- und Agrarland brennt.[1] Im Rekordjahr 2017 war es sogar mehr als die doppelte Fläche des Saarlandes.

Dass vielleicht nicht Feuer per se, wohl aber immer häufigere und immer größere Waldbrände schlimm sind, leuchtet sofort ein. Aber aus welchen Gründen ist das eigentlich ein Übel?

2017 ist ein krasses Beispiel, weil erstmals mehr Zivilisten als Feuerwehrleute gestorben sind, insgesamt 122 Menschen, davon Dutzende auf besonders tragische Weise in ihren Autos im Kreis Pedrogão. Ich glaube, die Bedeutung der Opfer dieser Katastrophe liegt darin, dass alle Menschen in Portugal nicht mehr durch Waldgebiete fahren können, ohne zu prüfen, ob der Abstand der Bäume den aktuellen Gesetzen entspricht. Die Brände dieses Jahren waren zudem für über 20% der CO2-Emissionen des Landes verantwortlich, während in 'normalen' Jahren der portugiesische Wald mehr Kohlenstoff speichert als abgibt. Das heißt, die Waldbrände dieses Jahres erhöhten die Wahrscheinlichkeit ihrer Wiederkehr, indem sie zur globalen Erwärmung beitrugen.

Der Soziologe Hartmut Rosa behauptet, dass das, was solche Katastrophen zu einem Übel macht, vor allem die Zunahme von Angst sei, das heißt, der Verlust des Gefühls, in einer uns freundlich ansprechenden Welt zu leben.[2] Ich denke, es lohnt sich, diesen Gedanken im Hinterkopf zu behalten, weil es nicht nur um wirtschaftlichen oder ökologischen Schaden geht.

2022 waren etwa 12 mal 12km des Naturparks Serra da Estrela – des größten Schutzgebiets Portugals – von Bränden betroffen. Das entspricht einem Viertel seiner Fläche. Einigen ist die Gebirgslandschaft ohnehin immer schon fremd gewesen, weil es dort "ja nur Steine" gibt. Die aber Gefallen daran finden, ja ihr Bedürfnis nach Ruhe dort stillen und Hoffnung schöpfen konnten, haben nun immer die Möglichkeit vor Augen, dass man dort im Sommer verbrennen könnte. So hört die Serra da Estrela für viele Menschen in Portugal (zumindest im Sommer) auf, ein Teil jener "Geografie der Hoffnung" zu sein, von der Wallace Stegner in seinem berühmten Wilderness Letter schrieb. (Auch wenn die Serra in weiten Teilen Kulturlandschaft und keine unberührte Wildnis ist.)

Nehmen wir schließlich noch den Pinhal de Leiria. Der mit 11.000 Hektar etwas mehr als die Fläche Sylts umfassende See-Kiefern-Forst ist im Jahr 2017 zu 85% verbrannt. Selbst diese forstwirtschaftlichen Monokultur-Plantage (sogenannter Reinbestand) steht für viele Menschen nicht nur für ihre ökonomischen und ökologischen Leistungen wie Holzressourcen, Tourismuseinnahmen, Boden- und Küstenschutz, Wasser- und Luftfilter und Kohlenstoffspeicher. Man sagt, es schmerzte Anwohner und Touristen, weil sie dort Natur und Geschichte erleben konnten. Der Pinhal de Leiria wurde nämlich im 13. Jahrhundert von den Königen Alfons III und Dionysius als Schutz vor den Dünen und als Holzlieferant in Auftrag gegeben. Selbst auf der kleinen verschonten Fläche bleibt dieser Königs-Pinhal noch heute ein historischer Ort, an dem Besucher neben Sport und Entspannung innere Ruhe finden können. Das folgende Video von einem Fotografen, der aus einem Strandort am Pinhal de Leiria stammt, bringt den emotionalen Verlust zum Ausdruck.

Brandgefahr

Aber warum sind so viele portugiesischen Wälder überhaupt brandgefährdet? Der Klimawandel ist ja ein globales Phänomen; er erhöht nicht nur in Portugal bestehende Waldbrandpotentiale.

Gibt es vielleicht einfach mehr Wald in Portugal, der brennen kann? Nein. Mit 36% Waldflächenanteil liegt das Land nur knapp unter dem EU-Durchschnitt (39%).[3] Zum Vergleich: Deutschland hat etwa 32% Waldfläche.

Auch dass sagenhafte 40% der Wald- und Buschbrände in Portugal durch Brandstiftung verursacht werden [1, S. 30], ist kein Alleinstellungsmerkmal. Das ist mit Deutschland vergleichbar.

Ein Hauptgrund für die erhöhte Waldbrandgefahr in Portugal liegt in der Art der gepflanzten Reinbestände. Waren 1815 noch weniger als 10% der Landesfläche Wald, waren es vor allem durch die Aufforstung mit der Korkeiche um 1900 schon 21%.[4]
Seitdem setzte die Aufforstungspolitik außerdem zunehmend auf zwei Reinbestände, die heute als besonders brandgefährdet gelten: zunächst Pinus-Arten (Kiefern) und vor allem seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch noch auf den extrem schnell wachsenden Eukalyptus.[1, S. 7] Von der portugiesischen Zellstoffindustrie verwertet und von der internationalen Papierindustrie nachgefragt, hat der heute sogar seine weltweit dichteste Population in Portugal.[5]

Während die vor allem im Süden gepflanzte Korkeiche als besonders feuerresistent gilt, sind Kiefern und Eukalypten im Zentrum und Norden des Landes geradezu Brandbeschleuniger. Durch zentimeterdicke Schichten gefallener Nadeln Lauffeuer begünstigend, "dominieren Pinus-Arten brandgefährdete Ökosysteme der gesamten nördlichen Hemisphäre" [6]. Und auch der Eukalyptus brennt durch seine luftige Struktur und ätherischen Öle wie Zunder, wobei brennende Blätter vom Wind hunderte Meter weit verstreut werden können. Die Reinbestände an Kiefern und Eukalypten sind zusammen mit den global ansteigenden Temperaturen also einer der Hauptgründe für die geringe Waldbrandresistenz Portugals.

Es gibt aber noch einen zweiten wichtigen Grund, der portugiesische Wirtschaftswälder besonders brandgefährdet macht. Der besteht darin, dass man in diesen Wäldern eigentlich Pflegearbeiten machen muss, eben auch, um Bränden vorzubeugen. Doch wer ist für das Saubermachen ("limpeza") verantwortlich? Selbst die portugiesische Forst- und Naturschutzbehörde ICNF wurde bezichtigt, den staatlichen Pinhal de Leiria nicht ausreichend gepflegt und damit das Feuer in 2017 mit verursacht zu haben.[7] Und der portugiesische Staat hält nur 5% der portugiesischen Waldes. Zum Vergleich: Deutschlands Wälder sind zu 29% in öffentlicher Hand. In Portugal sind dagegen 90% des Waldes aufgeteilt auf geschätzte 400.000 private Eigentümer.[1, S. 8]

Vor allem im nördlichen Teil Portugals – also just in dem Teil mit den meisten "Streichhölzern" in Baumform – sind die Grundstücke besonders klein. Die Aufteilung privatisierten Brachlandes [4] hat über Generationen zu einem Flickenteppich an Grundeigentum geführt, den heute regional, geschweige denn national keiner mehr überschaut. Selbst auf einen Hektar kommen mitunter mehrere Eigentümer.

Dadurch ist die durchschnittliche Fläche an Wald oft zu klein für profitables Management [1, S. 8]. Und selbst wenn ein Stück Brachland nicht zu klein ist, dann ist die Chance hoch, dass es einfach eine ungünstige Lage für Forstwirtschaft hat oder dass sich der Boden zumindest nach 30 Jahren als ausgelaugt erweist.
Zum Beispiel gelten zwei Drittel der Eukalyptusplantagen als aufgegeben.[8] 
Der globale Trend zur Landflucht treibt die Portugiesinnen und Portugiesen, wenn auch verspätet, so doch unaufhaltsam in die Städte.

Niemand verhindert in aufgegebenen Forsten die Mischung von Eukalyptusplantagen mit Kiefern, die den Boden mit Nadeln bestreuseln, eine Mischung, die "die höchste Brandgefahr unter allen Waldtypen in Portugal" [9] darstellt. Niemand führt kontrollierte Brände durch, um die Brandlast zu minimieren. Niemand holt Totholz aus dem Wald, wenn Stürme mal wieder die ohnehin schwachen Bäume umgeknickt haben. Niemand kümmert sich um Feuerschneisen und Mindestabstände zu Straßen. Kurz: In aufgegebenen Reinbeständen gibt es kein Brandpräventions-Management.

Was tun?

Ich könnte jetzt damit enden, was man politisch alles tun muss und was auch zum Teil schon angegangen wird. Greenpeace fordert: Ausstieg aus fossiler Energie, verschiedene Baumarten statt Monokultur finanziell belohnen, das Liegenschaftskataster auf nationaler Ebene voranbringen, Brandschneisen und ähnliche Brandpräventionsmaßnahmen in Staatswäldern umsetzen und in Privatforsten fördern und schließlich mehr transnationale Zusammenarbeit mit Spanien.[1, S. 74ff.]

Mich persönlich hat die Recherche auf zwei Dinge neugierig gemacht.

Erstens: Bisher war meine Beziehung zur portugiesischen Natur darauf beschränkt, auf Gewässer zu schauen und die dort lebenden Vogelarten kennen und schätzen zu lernen. Die Arbeit an diesem Post hat mich neugierig gemacht, den Pinhal de Leiria, die Serra da Estrela und ähnliche Gebiete zu besuchen, egal ob Forste oder Schutzgebiete. Vielleicht besser im Herbst oder Winter ... Ja, es lockt mich sogar, in ein x-beliebiges Eukalyptuswäldchen zu gehen und selbst zu schauen, was es dort gibt oder nicht gibt (man spricht von einer "grünen Wüste").

Zweitens: Dieser Post hat mich für das Thema Waldbrand in Portugal generell geöffnet. Das Thema ist unangenehm, aber es hier zu besprechen, hat mir geholfen, trotzdem genauer hinzuschauen.

Anmerkungen

[1] vgl. Viegas, D. X., Alves, D., Rodrigues, T., Ribeiro, C., Ribeiro, L. M., Viegas, M. T., & Almeida, M. (2026). Greenpeace Report on Wildfires in Portugal: More than 80 Years of Data Show that the Country Must Change. Greenpeace / Universidade de Coimbra, ADAI, Department of Mechanical Engineering. https://www.greenpeace.pt/wp-content/uploads/2026/06/GREENPEACE_RELATORIO_COMPLETO_INCENDIOS_ENG.pdf

[2] vgl. Rosa, H. (2019). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp. S. 453–472.

[3] vgl. European Commission. Statistical Office of the European Union. (2025). Key figures on Europe: 2025 edition. Publications Office. S. 80. https://data.europa.eu/doi/10.2785/0857421

[4] vgl. Dinâmica rural e florestas nos últimos 200 anos em Portugal. (2020). Florestas. https://florestas.pt/conhecer/dinamica-rural-e-florestas-nos-ultimos-200-anos-em-portugal/

[5] vgl. Portugal é o país com maior área de eucalipto. (2017). Jornal de Leiria. https://www.jornaldeleiria.pt/noticia/portugal-e-o-pais-com-maior-area-de-eucalipto-6816

[6] vgl. Tomé, M., Almeida, M. H., Barreiro, S., Branco, M. R., Deus, E., Pinto, G., Silva, J. S., Soares, P., & Rodríguez-Soalleiro, R. (2021). Opportunities and challenges of Eucalyptus plantations in Europe: The Iberian Peninsula experience. European Journal of Forest Research, 140(3), 489–510. https://doi.org/10.1007/s10342-021-01358-z [meine Übersetzung]

[7] vgl. GNR multou ICNF por falta de limpeza da Mata Nacional de Leiria. (2019, März 29). https://ominho.pt/gnr-multou-icnf-por-falta-de-limpeza-da-mata-nacional-de-leiria/

[8] vgl. marianaviana. (2025, März 6). O eucalipto tem lugar na floresta portuguesa? Associação Sistema Terrestre Sustentável. https://zero.ong/blog/o-eucalipto-tem-lugar-na-floresta-portuguesa/