Challenge: 100 Tage Portugiesisch schreiben (Teil 1)

Das erste Drittel meiner Challenge ist vorbei, einhundert Tage lang mindestens ein paar Sätze auf Portugiesisch zu schreiben.

Es konnten irgendwelche Sätze sein. Meist schrieb ich auf, was ich an dem Tag gemacht oder erlebt hatte oder machen wollte. Ich schrieb auf, was mir gerade durch den Kopf ging. Die Sätze mussten nicht 100% korrekt sein. Selten, nicht mehr als fünf Mal, habe ich eine KI oder meine Frau um die Korrektur eines Textes gebeten (das könnte ich noch intensivieren). An vielen Tagen habe ich kaum das Wörterbuch benutzt, an einigen Tagen dafür intensiver. – Hauptsache, die fertigen Sätze waren meine eigenen (und nicht von der Maschine übersetzt)!

Ich tracke die Anzahl der Wörter. Das ist das Ergebnis vom 21. Juli bis zum 21. August:

Der Graph zeigt die geschriebenen Wörter pro Tag in meiner Challenge.
Der Graph zeigt die Anzahl der Wörter, die ich pro Tag schrieb.

Wie man sieht, fing ich mit ca. fünfzig Wörtern ziemlich low level an, was ich gut finde, weil ich mich nicht zu sehr unter Druck setzte. Trotzdem bemerkte ich schon nach den ersten Tagen, dass ich abends in der portugiesischen Familie mehr auf Portugiesisch sprach. Ich begann öfter zu sprechen, weil ich es konnte oder um die Sprache zu benutzen – nicht nur dann, wenn ich etwas Bestimmtes erreichen wollte.

Belohnt wurde ich auch relativ schnell mit der Einsicht, dass ich mehr schreiben konnte, als mir klar gewesen war. Für diese Einsicht brauchte ich zuletzt eine Lehrerin, die mich zum Schreiben eines Textes zwang. Da ich im Moment keine mehr habe, muss ich mich selbst über die Schwelle schubsen.

Mit der Zeit fuchste ich mich jedenfalls für meine Verhältnisse ganz schön in die Challenge rein. Aus den anfänglichen 50 Wörtern sind durchschnittlich knapp 200 Wörter pro Tag geworden. Zuletzt platzte ich fasst vor Stolz, als ich feststellte: Mache ich gerade das Brainstorming für einen wissenschaftlichen Vortrag auf Portugiesisch und es funktioniert einfach? Das ist der letzte Datenpunkt (21. August): das dritte Mal um die 350 Wörter, und das ohne vorherigen portugiesischsprachigen Input.

Dass ich überhaupt bei durchschnittlich 200 Wörten landen konnte, liegt vor allem daran, dass ich in den einzelnen Sessions über persönliche Erlebnisse oder Themen aus den Medien schrieb. Dinge, die mich wirklich interessierten. Wenn ich eh schon etwas schreiben musste, dann sollte es wenigstens etwas Interessantes sein. Es war dann ganz natürlich, dass ich immer öfter auch portugiesischsprachige Quellen heranzog.

In den ersten Tagen recherchierte ich noch Sachen auf Deutsch. Später fasste ich einen portugiesischen Artikel zusammen und kommentierte ihn. Zuletzt machte ich mir Notizen auf Basis gleich mehrerer portugiesischer Internetseiten zu einem Thema. Ein Ergebnis davon ist dieser Blogpost über Waldbrände in Portugal.

Auf diese Weise erhöhte sich neben dem Output – Personal Best: 364 Wörter am 8. August – auch mein Input (und die Nutzung des Wörterbuchs) immens. Das fühlte sich total richtig an und ungewohnt professionell. Die letzten gut 30 Tage haben mich insofern auch gelehrt, das Sprachenlernen selbst noch besser zu verstehen – und wie wichtig es ist, seine verschiedenen Säulen miteinander zu kombinieren.

Das Schaubild zeigt das Sprachenlernen in meiner bisherigen Challenge. Das Training vernetzte die vier Hauptfertigkeiten Hören/Lesen (Input) und Sprechen/Schreiben (Output). Ferner sind regel-basiertes Lernen (bottom down) und ein bisschen auch Fehlerkorrektur (bottum up) eingeflossen.

Wie eingangs erwähnt, bin ich hoch motiviert, mein Portugiesisch zu verbessern. Nach zwei Jahren des Arbeitens und Lebens in Portugal hat sich außerdem mein Nervensystem offenbar ausreichend beruhigt, um in den Ferien ein solches Lernprojekt stemmen zu können – und dabei Spaß zu haben. Insofern ist diese Challenge ein Grund für meinen Lernfortschritt, aber auch Ausdruck meiner gestiegenen Lernbereitschaft. Zum Beispiel las ich in diesen Ferien auch mein erstes komplettes Buch auf Portugiesisch (ein Jugendbuch mit 150 Seiten), mit steigender Toleranz für die Menge von Seiten pro Tag. 

Niemals hätte ich mir vorgenommen, in den Sommerferien so intensiv und regelmäßig – mitunter sogar stundenlang – mein Portugiesisch zu trainieren. Die Entscheidung zum täglichen Schreiben ist wie ein gehisstes Segel, das mich ins Sprechen und ins Lesen und somit ins kombinierte Training hineinzieht.