Positive Geschichten aus Ostdeutschland
Seit ein paar Wochen denke ich mal wieder verstärkt über Ostdeutschland nach. Neu ist diesmal nur, dass ich bewusst versuche, negativen Gedanken etwas entgegenzusetzen. Gefühlt 90% aller Statistiken über Ostdeutschland (zum Beispiel in dieser Liste) fallen ja negativ aus. Nur ist es ja so: Zahlen, noch dazu Zahlen über Defizite, die über viele Jahrzehnte entstanden sind, erzählen kaum etwas davon, was man vielleicht bewahren sollte oder was ich zumindest bewahrenswert finde. Seltsamerweise ist dies das erste Mal, dass ich positive Geschichten aus Ostdeutschland sammle.
Der Anlass
Anlass war ein Interview mit Luisa Neubauer, das mich berührt und nachdenklich gemacht hat. Die heute 30-Jährige sagt dort, dass die Wurzeln ihres Engagements in der Kirchengemeinde des Hamburger Stadtviertels Iserbrook liegen, aus dem sie kommt. In diesem Stadtviertel habe es für sie als Jugendliche nichts Besonderes gegeben, außer eben diese Gemeinde. Die sei „bilderbuchartig“ gewesen, was „Demokratiebildung, Verantwortungsübernahme, Freundschaften, Fürsorge, Vorsorge“ angehe.
Wie ihre Geschwister und viele ihrer Freunde auch blieb sie jahrelang in der Gemeinde aktiv und stieg schließlich zur Jugendleiterin auf. Diese Funktion war folgenreich für ihr Leben, auch weil sie sie nach dem Abitur für drei Wochen zu einer Partnerkirche in Tansania führte. Das war der Ort, an dem sie zuerst von den Folgen des Klimawandels schockiert wurde.
Mich beschäftigte lange, was sie überhaupt an dem Jugendleiterprogramm der Gemeinde reizte:
Du wirst danach ausgewählt, ob du mitmachst, ob du dich engagierst, aber auch, ob du lieb bist, ob du anderen hilfst. Das war eine so wichtige Gegenströmung zu diesem Coolness-Wahn, der so schnell an Schulen ausartet.
Den Coolness-Wahn, von dem sie spricht, kenne ich ziemlich gut:
Dass man in der Schule ist, die Coolsten machen keine Hausaufgaben, interessieren sich nicht für Schule, rufen dazwischen und rauchen irgendwie in den Büschen.
Das trifft ziemlich genau, wie für mich und meine Freunde die Schulzeit ablief. Wir waren, was sie im Interview „Blödiane” nennt, von denen sie sich als Schülerin nicht vereinnahmen lassen wollte.
Eine kirchliche „Gegenströmung“ gegen unseren „Coolness-Wahn” gab es in Leipzig-Großzschocher in den frühen 2000er Jahren kaum. Das hat natürlich etwas mit der generell sehr niedrigen Kirchenbindung in Ostdeutschland zu tun: Im Osten sind 70% konfessionslos, im Westen dagegen nur 30%. Einer Erhebung zufolge ist Ostdeutschland sogar die „mit Abstand gottesfernste Region der Welt“. Kinder der DDR (und deren kirchenkritischer Politik), waren wir in meinem engeren Freundeskreis fast alle Atheisten.
Genauso waren übrigens die Wenigsten von uns Mitglieder in Sportvereinen – noch so ein Feld des Engagements, das im Osten viel kleiner war (und ist) als im Westen. Die strukturelle Ungleichheit zwischen Ost und West lässt sich nicht leugnen.
Kein Grund zum Jammern?
Nichtsdestotrotz gehört Ostdeutschland zu den „wohlhabendsten, sichersten, sozialsten Regionen Europas und damit in der Welt.“ Das sagte der Historiker Kowalczuk Anfang des Jahres im Erfurter Landtag in Richtung all jener Ostdeutschen, die sich ganz elend in der Welt vorkommen und die sich in ihrem gefühlten Elend wieder nach einem starken Mann sehnen. Er fährt fort:
Nicht einmal 5% der Menschheit lebt in solchen gut situierten Verhältnissen wie die Menschen in Ostdeutschland. [...] Seht ihr nicht, in welch komfortablen Verhältnissen ihr lebt?
Viele AfD-Wähler im Osten, die keineswegs zu den Mühseligen und Beladenen gehören, scheinen es wirklich nicht zu sehen. Dabei sitzen sie, während sie sich für eine Dokumentation interviewen lassen, direkt vor ihrem Porsche oder neben dem Wohnwagen auf einem Camping-Ressort am Ostseestrand ...
Natürlich bin ich extrem dankbar, weder in solcher Verwöhnung noch in einer wirklich armen und strukturschwachen Region aufgewachsen zu sein. In beiden Fällen begegnen sich die Menschen tendenziell immer weniger. So verlernt man die Empathie. Und wie soll man ohne Empathie entdecken, was man für erstrebenswert hält (jenseits von einem Pool)? Und wie soll man ohne einen Sinn für das allgemeine Gute irgendetwas empfinden, wenn die Schwächsten verhöhnt und ausgegrenzt werden?
Leipzig, 1980er
Auf der Suche nach Geschichten aus Ostdeutschland oder DDR, in denen man als junger Mensch beteiligt und einbezogen und wertgeschätzt wurde (wie Luisa Neubauer in ihrer Gemeinde), dachte ich als Leipziger recht bald an die Friedensgebete. Ich meine die, die der Pfarrer Christian Führer in den 1980er Jahren in der Nikolaikirche in Leipzig einführte. Wer die nicht kennt, das ist ein Teil der Vorgeschichte der Montagsdemonstrationen.
Pfarrer Führer öffnete die Nikolaikirche für die Unangepassten, die der DDR-Staat „Elemente“ nannte: unter anderem junge Menschen mit Iro und Batikhemden. Er lud sie eines Abends im November erstmals ein, in die Kirche zu kommen und den ja eigentlich unzugänglichen Altarraum zu betreten. Er erklärte ihnen damals, die ja überwiegend keinen Bezug zur Kirche hatten, dass das Kreuz ursprünglich ein Marterinstrument für die Gegner des Römischen Reiches gewesen war. Schließlich stellte er den über 100 jungen Leuten, die zu seinem großen Erstaunen in die Kirche gekommen waren, eine Frage: Wer wird eurer Meinung nach heute „aufs Kreuz gelegt”? Zu Pfarrer Führers noch größerer Überraschung machten die alle davon Gebrauch und fanden so ein Ventil für ihre Aggression. Hier beschreibt er diesen Abend so:
Indem sie selber erzählten, merkten sie: Hier ist Freiheit, hier kannst du sprechen, hier kannst du das sagen, was du denkst. Nicht wie in der Schule: Wenn es zu ehrlich wurde, hieß es: Freund! Wie diskutierst du? Dann war klar: Klappe halten, sonst gibt's Nachteile. Hier konnte man aussprechen.
Wie schön ist das bitte? Später, als immer mehr Menschen zu den Friedensgebeten kamen, führte Pfarrer Führer das „Mikrophon der Betroffenheit” ein. Dort konnten nach der Andacht Bürgerinnen und Bürger selbst sprechen. Die Veranstaltung wuchs und der Rest ist Geschichte.
Übrigens habe ich in Leipzig Abitur gemacht, ohne je von diesem Pfarrer gehört zu haben. Vielleicht habe ich aber auch einfach bloß nicht aufgepasst, als das drankam. Jedenfalls sollte man Jugendlichen, die too cool for school sind, ideale Kultur vielleicht so erklären und vorleben: Kultur integriert jene, die ausgegrenzt oder benachteiligt werden, und kämpft dafür, sie auf Augenhöhe zu beteiligen.
Leipzig, 2004/2005
Mein erstes großes Beteiligtwerden jenseits der Schule war sicherlich der Zivildienst.
Wäre ich auch nur fünfzehn Jahre eher geboren worden, hätte ich Grundwehrdienst in der DDR leisten müssen. Vielleicht hätte ich in einer Reihe stehen und mit ansehen müssen, wie meine Einheit Demonstranten mit Schlagstöcken und Tränengas massakriert oder wie mich Bekannte und Schulfreunde verachten, weil ich auf der falschen Seite stehe. So durfte ich nach dem Abitur ein Schreiben verschicken, in dem ich darlegte, inwiefern der Wehrdienst meiner Erziehung und meinen Werten widersprach. Ich wurde offiziell als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und durfte, wie ich es wollte, auf einer Station der Kinderchirurgie in der Leipziger Uniklinik Zivildienst machen. Dort kümmerte man sich um kleine Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma oder Wasserkopf.
Da ich nicht, wie Aramis, auf der Intensivstation tätig war, konnte ich mit vielen Kindern sogar interagieren, Zeit mit ihnen verbringen, die den Schwestern fehlte. Oft hatte ich Gelegenheit dazu, ihnen vorzusingen oder Geschichten zu erzählen, mit ihnen Spaß zu machen oder sie auch nur zu streicheln. Da agierte ich meine empathische Seite aus, die in der Schule viel seltener gefragt war.
Uns Zivis wurde Verantwortung übertragen. Ich erinnere mich noch an den Satz einer Stationsschwester, die mich gegen eine argwöhnige Schwester verteidigte: „Er hat Abitur, natürlich kann er alleine im Archivraum arbeiten.“ Wir mussten auch lernen, beim Wäschefalten durchzubeißen. Wir haben Freundschaften geschlossen, von denen einige sogar bis heute halten: Darüber, was ich Aramis und Stefan alles zu verdanken habe, könnte ich einen eigenen Blog-Post schreiben. Und wir haben einen Einblick in die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern erhalten, sodass uns das Gesundheitswesen und die Leistung des Pflegepersonals transparenter wurden. Nicht zuletzt verdienten wir direkt nach dem Abitur eigenes Geld. Damals kaufte ich zum ersten Mal CDs, weil sie mich im Laden ansprachen und nicht weil man sie haben musste.
Heute gibt es den Zivildienst ja in der Form nicht mehr. Wer weiß, ob ich mich dafür beworben hätte, wenn er freiwillig gewesen wäre? Wahrscheinlich nicht. Denn wenn ich während der Abiturzeit irgendetwas bereits kapiert hatte, dann nur, dass ich mich für Literatur interessierte. Ohne den Zivildienst wäre ich jedenfalls deutlich ärmer an Erfahrung ins Studium gegangen.
Jena, um 2010
Mein zweites großes Beteiligtwerden an Gesellschaft spielt während meines Studiums in Jena.
Ich muss dafür kurz ausholen, weil ich erst hier in Portugal begriffen habe, wie wenig selbstverständlich es war, dass ich bereits mit 19 Jahren ausziehen konnte. Zum einen bekam ich natürlich BAföG und ich hatte zusätzlich die volle Unterstützung meiner Eltern. Zum anderen war und ist aber auch der Wohnungsmarkt in Deutschland noch relativ human zu nennen, wenn man mal den Blick auf Europa richtet. Nur als Beispiel: Laut Numbeo liegt das durchschnittliche Netto-Gehalt in Aveiro heute bei 1311 Euro. Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung außerhalb des Stadtzentrums zahlt man jedoch im Schnitt 680 Euro, also mehr als 50% eines Durchschnittseinkommens. In Deutschland liegt dieses Verhältnis von Miete und Einkommen eher bei 30-40%, in manchen Städten (z.B. Mannheim) sogar noch unter 30%. Die hohen Mieten bei gleichzeitig relativ niedrigen Löhnen erklären auch zu einem Teil, warum junge Leute in Portugal im Schnitt erst fünf Jahre später ausziehen können als in Deutschland (vgl. die EU-Statistik). Die große Mehrheit meiner Studierenden wohnt entsprechend noch bei ihren Eltern. In ihrem Alter konnte ich aus den genannten Gründen bereits ausziehen.
Jedenfalls wurden wir als Studierende in Jena oft ernstgenommen und auf Augenhöhe behandelt. Mein bestes Beispiel dafür ist Poesie und Praxis, eine zwei Semester dauernde Poetik-Vorlesungsreihe mit angegliederter Lehrveranstaltung der Germanistik im Jahr 2008. Der in Gera geborene Jan Röhnert leitete dieses Seminar und forderte eine ungewöhnliche Zugangsvoraussetzung. Er bat interessierte Studierende um eigene literarische Texte. So fanden sich in diesem Seminar nur Studierende, die ein besonderes Interesse am Schreiben teilten. Das alleine war schon sehr ungewöhnlich.
Als Lehrveranstaltung war Poesie und Praxis aber auch deshalb krass, weil Jan sehr namhafte Schriftsteller in das kleine Unistädtchen Jena holte, um Poetikvorlesungen zu halten. Darunter waren der damalige Programmchef des Hanser-Verlags Michael Krüger und der spätere Büchner-Preisträger Jürgen Becker. Jan überließ es uns dann, sie abseits der öffentlichen Vorlesungen zu interviewen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich mit eigenen Fragen besonders dazwischengedrängt hätte. Er überließ uns das Feld. Schließlich organisierte er sogar einen Sammelband, in dem er nicht nur die Vorlesungen der Schriftsteller und seine einführenden Worte, sondern auch unsere Interviews und unsere Essays über die Autoren publizierte. Anfang 2009 war ich gerade mal mit meinem Grundstudium fertig ... Ein Rezensent des Sammelbandes sah das Bemerkenswerte von Poesie und Praxis völlig zurecht darin, „dass die Studenten in Jena nicht nur als stumme Adressaten, sondern als lebendige Mitgestalter der Veranstaltungen und ihrer öffentlichen Präsentation in Erscheinung treten.“
Bei Poesie und Praxis traf ich auch Romina Nikolić und Moritz Gause, die damals eine literarische Lesebühne für junge Autorinnen und Autoren in Jena organisierten (Lautschrift). Das Abendprogramm haben immer ungefähr vier Lesende und eine Band bestritten. Als einer der Lesenden durfte ich da mehrere Jahre lang immer mal wieder meine Texte vorlesen. Was sich so einfach erzählt, war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es waren, was man in der Literaturszene Wasserglas-Lesungen nennt. Das heißt, anders als bei Poetry Slams, die etwas später trendeten, ging es nicht um Show und Wettbewerb und darum, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Vielmehr saßen wir an einem Tisch mit Tischlampe und einem Getränk und lasen vor.

So ein Abend war ein absoluter Erfolg, wenn wir ein paar Dutzend aufmerksame Zuhörer:innen erreichen konnten, die am Ende aufrichtig klatschten; wenn einem einige davon, darunter geschätzte Kommilitoninnen und Kommilitonen, später noch Worte der Anerkennung sagten; ja, wenn man sich in der Pause oder am Ende mit Menschen angeregt unterhielt, mit denen man nicht ohnehin jeden Tag sprach. (Einmal versorgte mich dort jemand zum Beispiel mit Musik-Tipps, die mir sonst kaum jemand hätte geben können.)
Wieso konnte das über Jahre hinweg Bestand haben?
Jena hatte, erstens, um 2010 herum einfach das Publikum für sowas Hemdsärmliges. Die Stadt zog durch ihre renommierte Universität viele Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften an, denen es um Bildung, Kunst, Philosophie, Soziologie, Geschichte und Literatur ging – und nicht vorrangig um Karriere oder Berufssicherheit. In all den Jahren, in denen ich studiert habe, ist mir nur ganz selten mal ein Lehramtsstudent über den Weg gelaufen. (Auch der Wohnraum war zwar schon damals knapp, aber Viele konnten es sich wie ich noch leisten, in Jena zu wohnen. Selbst die wenigen Pendler verbrachten große Teile ihrer Freizeit in der Stadt.)
Der zweite Grund ist das Engagement Einzelner, die sowas organisieren. Moritz und Romina organisierten die Lesungen, wie gesagt, in wechselnden Locations über Jahre hinweg ehrenamtlich. Moritz ist heute der Meinung, dass ihr Engagement nur aufgrund der Atmosphäre in Jena Erfolg haben konnte; also, dass es in Jena ein Interesse am Selbermachen und am Selbstgemachten in Kunst und Kultur gab damals. Er sagte mir:
„Ich wollte, dass das Debütantenlesungen sind.“
Es sollten also bewusst keine Autorinnen und Autoren eingeladen werden, die schon publiziert hatten. Keine „Schnöselei“, wie man sie leider öfter in solchen Lesereihen finde. Ich weiß noch wie heute, dass ich mich nur deshalb getraut hatte, selbst einmal auf so eine Bühne zu gehen, weil da Texte von durchschnittlich talentierten Amateuren überhaupt keine Seltenheit waren. Wenn dort regelmäßiger Profis oder auch nur richtige angehende Schriftsteller zu hören gewesen wären, wäre mir sicher nie der Gedanke gekommen: Das kann ich mindestens genauso gut.
Und schließlich haben die Förderstrukturen in Thüringen Moritz und Romina auch noch Manches erleichtert. Moritz wies mich dabei auf eine interessante Verbindung zwischen der DDR und diesen Lesungen hin. Er erinnerte sich daran, dass auffällig viele Menschen, die sich in Jena (und Weimar) für die Förderung von Kunst und Literatur einsetzten und auch die Lautschrift mit Interesse verfolgten und unterstützten, noch in der DDR sozialisiert worden waren und dort der Opposition nahegestanden hatten. Tatsächlich kann ich mich erinnern, dass Vertreter vom Lesezeichen e.V. und der Literarischen Gesellschaft Thüringens sich nicht zu schade waren, bei einigen Lautschrift-Lesungen im Publikum zu sitzen und die Gespräche danach zum Austausch zu nutzen.
Die Lautschrift als niedrigschwellige Publikationsmöglichkeit ist insofern die Spitze des Eisbergs von vielen positiven Umständen, die damals in Jena zusammenkamen.
Was ich damals schrieb und vorlas, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Ein Teil kreiste aber um Liebe, Begehren, Hingabe, Bejahung der Welt, Hoffnung. Vielleicht begann ich in Jena, alles Positive und glücklich Überstandene, was ich bis dahin erfahren durfte, in Worten in die Welt zurückzutragen.